16 Juli, 2006

Delphine und PF

Dieser Beitrag entstand teilweise als Reaktion auf die Kontroverse zwischen Hauser, Chomsky und Fitch einerseits und Pinker und Jackendoff andererseits (siehe Literatur/Links im Anhang), teilweise aus Diskussionen und Gesprächen mit LinguistInnen und anderen zu den diversen hier angesprochenen Themen; neben HCF und PJ haben ich auch aus von Jonathan Kaye Argumente bezogen, und good old Lenneberg ist auch nicht ganz unschuldig, der wissenschaftshistorische Kontext ist in erster Linie nach Otto Marx, allerdings aus dem Gedächtnis. Das ganze ist natürlich subjektiv und ohne Anspruch auf Vollständigkeit oder gar Wissenschaftlichkeit und außerdem eine provisorische Meinung - Kommentare erwünscht, aber mit Vorwürfen für etwas, was ich heute glaube, braucht man mir in einem Monat nicht mehr zu kommen.

Ein bissl wissenschaftshistorischer Kontext: Die Beobachtung, dass es Parallelen zwischen menschlicher Sprache und Vogelgesang gibt insofern als dass beide zwar durch einen inneren Antrieb zur Artikulation ausgelöst werden, aber die tatsächliche Ausprägung durch Lernen bestimmt ist, wodurch es in beiden Fällen zu regionalen "Dialekten" kommt, ist uralt - man findet es etwa bei Aristoteles, und der alte Schreibtischtäter ist wohl auch nicht durch eigene Feldforschung draufgekommen...

Für ein paartausend Jahre galt daher der Vogelgesang zu Recht als beste Parallele zur Sprache im Tierreich, und Darwin höchstselbst hat in "The Origin of Man" eine Hypothese angedeudet, wonach diese Parallele nicht zufällig ist, sondern daher rühre, dass sich Protosprache aus Singen entwickelt habe und letzteres aufgrund sexueller Evolution entstanden sei. Wenn ichs richtig im Kopf habe, ist er allerdings einen Schritt weiter gegangen und hat behauptet, Sprache selbst sei ein kulturelles Artefakt, das auf diesem "Musikinstinkt" aufbaue, da hat wieder mal einer die Komplexität von Sprache und die Unabhängigkeit von Sprache und Rede unterschätzt.

Es gibt allerdings einige wesentlichen Unterschiede zwischen Vogelgesang und Rede: Singvögel lernen zwar wesentliche Elemente des Gesangs von erwachsenen Männchen, das Ziel ist aber offenbar, möglichst vielfältige und unverwechselbare Melodien zu beherrschen, womit sie offenbar Eindruck schinden wollen - darum imitieren viele auch wahllos alles was ihnen so ans Ohr kommt (vgl. Papageien) um sich ein möglichst großes Repertoire anzulegen. Außerdem leben Vögel meist solitär oder in Paaren, während Menschen Rudeltiere sind. Insofern ist der Vergleich mit Walen und Delphinen (sowie offenbar auch manche Robben, aber darüber weiß ich fast nichts) treffender: die sind auch Rudeltiere, und sie stimmmen innerhalb der Gruppe ihre Gesänge aufeinander ab (sowie auch Menschen im allgemeinen eher den Dialekt ihrer Umgebung lernen als versuchen, exotisch und originell zu klingen), und singen im Kollektiv - allerdings sollen auch Wale beobachtet worden sein, die Schiffsmotoren nachahmen... Leider sind Walgesänge wesentlich schlechter erforscht, viele wichtigen Details sind überhaupt erst in den letzten Jahren bekannt geworden (ich glaube mich etwa erinnern zu können, im Geo von der "sensationellen Entdeckung" gelesen zu haben, dass Wale in "Dialekten" singen - gut möglich, dass das Wissen in Fachkreisen schon älter ist, aber wenn mich die Erinnerung nicht täuscht, hieße das, dass es erst in den 90ern in populärwissenschaftliche Kreise durchgesickert ist - bei der Faszination, die das Thema inhärent auslöst, kanns dann wohl nicht _viel_ älter sein).

Was beide Gruppen von Tieren mit dem Menschen vergleichbar macht, ist die ausgezeichnete Fähigkeit, Laute, v.a. Stimmen, zu imitieren; und das ist nicht so banal wie es klingen mag, denn unsere nächsten Verwandten sind extrem mies was das betrifft. Mehr noch, nicht nur können Affen ihre Schreie kaum willkürlich beeinflussen, sie tun sich sogar schon schwer, auch nur die Ausatmung in dem Maß zu kontrollieren, wie dafür Voraussetzung wäre.
Was andererseits beide Gruppen vom Menschen unterscheidet, ist die (weitgehende) Beschränkung der Vokalisationen auf Männchen.

Eine Hypothese, die davon ausgeht, dass alles was Sprache ausmacht als Anpassung an die Erfordernisse symbolischer Kommunikation entstanden sei, hat hier ein Problem: Ein symbolisch kommunizieren wollender Menschenaffe (a.k.a. protolinguistischer Hominide) wäre aufgrund seiner Physiologie gezwungen, auf einen anderen Kanal auszuweichen. Wie wir anhand von Gebärdensprachen sehen, funktioniert Sprache weitgehend problemlos auch auf anderen Kanälen - es fehlt also an einer Motivation, umzusteigen, ganz abgesehen davon, dass dieses Umstiegsszenarie nur schwer vorstellbar erscheint.

Es ist also durchaus gerechtfertigt, für unser unwahrscheinliches phonetisches Talent eine extralinguistische Erklärung zu suchen; umso mehr, als es ein altes Paradox ist, dass unsere Artikulationsmöglichkeiten bei weitem sprachliche Anforderungen übersteigen: Sprachen haben im Großen und Ganzen zwischen 20 und 70 distinktiv gebrauchte Lautqualitäten oder "Phoneme" (was auch immer die psychologische Realität des Phonems als Entität sein mag). Allein schon diese Varianz sollte Funktionalisten stutzig machen: Wenn 20 Phoneme ausreichen, um ein funktionsfähiges Lexikon zu generieren, wenn weiters die Entwicklung der Artikulatorik von sprachlichen Sachzwängen bestimmt war, wenn wir darüber hinaus wissen, dass uns auch schon ein wesentlich bescheideneres Artikulationsvermögen unter Primaten zum Exoten macht - wozu sollte dann die Evolution dermaßen über das Ziel hinausgeschossen haben? Dabei sind selbst 70 oder sogar 100 Phoneme nur ein bescheidener Bruchteil dessen, was wir so zu produzieren im Stande sind - wir können, manche besser, manche schlechter, Stimmen oder Akzente imitieren, Dialekte lokalisieren... was die Menge an unterscheidbaren Lauten noch einmal multipliziert.

Die lautliche Seite der Sprache ist also extralinguistisch bedingt. Jetzt brauchen wir dasselbe nur noch für die konzeptuelle nachzuweisen und voilà - der Siegeszug des Minimalismus ist besiegelt, seine Grundannahme empirisch belegt: Die Sprachfähigkeit im engeren Sinne beschränkt sich auf die Narrow Syntax, diese wiederum ist nichts weiter als ein simpler Rekursionsmechanismus, und alle weiteren Beschränkungen sind durch die Schnittstellen und damit letztlich außersprachliche Faktoren verursacht, die entweder in wenig unterschiedlicher Form auch anderswo im Tierreich beobachtbar sind, oder andernfalls die einzig mögliche Lösung für ein mathematischen (Informationstheorie) oder physikalisches (Sinneswahrnehmung) Problem darstellen. Die Beobachtung von der "evolution as a tinkerer" trifft auf Sprache nicht zu, da Sprache nicht der Selektion unterworfen war sondern die perfekte, weil einzig mögliche, Verknüpfung anderer Fähigkeiten mittels eines a posteriori unglaublich simplen Mechanismus ist. Wunderbar!

Doch halt! Gibt es nicht womöglich unausgesprochene Grundannahmen, ohne die der Schluss ein non sequitur ist? Mir scheint es tatsächlich so - der Schluss ist richtig, ja zwingend, wenn wir "PF" als einen konsistenten, formlosen und unteilbaren Klumpen begreifen - eine legitime Position, die aber expliziert und argumentiert werden müsste. Wird dies verabsäumt, so bleibt nur eines: Setzen! Structuralism wasn't that bad after all. Was wir bis zum vorletzten Absatz beschrieben haben ist die Phonetik. Kein Wort von Phonologie: Kein Wort von Distinktivität; kein Wort von diskreten Kategorien entlang eines Kontinuums an Lautqualitäten; kein Wort von {Silben, Einsätzen, Nuklei, Headedness, Füßen, metrischer Organisation, whatever-else-your-favorite-theory-requires}; kein Wort von Problemen des Erwerbs; kein Wort von {Lautgesetzen, Reinterpretation}. Es braucht sehr gute Argumente, bevor ich bereit bin, diese Unterscheidung zurückzunehmen. Übermenschlich gute.

Ist der Minimalismus also tot? Nicht unbedingt. Was aber aus der Diskussion hervorgehen sollte, ist, dass er - in einer womöglich entsprechend modifizierten Form - nur überleben kann, wenn er sich mit einer phonologischen Theorie verbündet, die entweder a) auch phonologische Beobachtungen (as opposed to phonetic ones) aus außersprachlichen Gesetzmäßigkeiten ableiten kann oder b) einen starken Parallelismus zwischen Syntax und Phonologie aufweist und somit ihr (notwendigerweise gleichzeitiges?) Auftreten im Idealfall auf ein einziges Ereignis zurückverfolgen kann. Ich persönlich halte die zweite Möglichkeit für wesentlich vielversprechender, aber ich wurde ja auch dahingehend indoktriniert...

Quellen (chronologisch):

Lenneberg, Eric H. 1967: Biological Foundations of Language. (dt. 1972: Biologische Grundlagen der Sprache; mit zwei Anhängen: Noam Chomsky: Die formale Natur der Sprache; Otto Marx: Geschichte der Ansichten über die biologische Grundlage der Sprache.)
Partly outdated, but no less unexcelled.

Kaye, Jonathan 1997. Why this Article is not about the Acquisition of Phonology. SOAS Working Papers in Linguistics and Phonetics 7, 209-220.
www.unice.fr/dsl/tobweb/scan/Kaye97group_recogn.pdf
These: Phonologie und Phonetik sind strikt zu trennen, da letztere kein im engeren Sinne linguistisches Phänomen sei. Phonologische Paradigmen können anhand dessen evaluiert werden, wie realistisch der Erwerb phonologischer Systeme nach dem jeweiligen Modell dargestellt werden kann. Der lautliche Kanal werde beim Menschen neben der linguistischen auch von einem "group recognition"-System benützt, welches ursprünglicher sei und für einige metalinguistische Universalien verantwortlich zeichne - etwa dafür, dass Sprachen dynamische Systeme sind (sich stetig ändern), dass postpubertärer Spracherwerb, auch bei vollständiger Beherrschung des Systems, einen "ausländischen Akzent" hinterlässt, und das Menschen oft so irrational auf Sprache oder Dialekt reagieren.

W. Tecumseh Fitch 2000:The evolution of speech: a comparative review. Trends in Cognitive Sciences 4/7 (2000) 258-267.
http://www.isrl.uiuc.edu/~amag/langev/paper/fitch00speech.html
These: Rede kann, im Gegensatz zu Sprache, vergleichend untersucht werden, da die gleichen oder ähnliche Mechanismen auch bei vielen Tieren vorhanden seien. Eine oft übersehene Voraussetzung für menschliche Rede ist die Fähigkeit zur lautlichen Imitation, da diese aber unabdingbar für jede Form von Spracherwerb sei, mache es Sinn, zu untersuchen, wo im Tierreich diese sonst vorhanden sei und welche funktionalen Erklärungen dort angebracht seien - hier kommt dann auch der Vergleich mit Vögeln und Walen, wobei der Schluss dem von Kaye nicht so unähnlich ist.

Hauser, Marc/Noam Chomsky/W. Tecumseh Fitch 2002: The Faculty of Language: What Is It, Who Has It, and How Did It Evolve. In: Science 298.
www.wjh.harvard.edu/~mnkylab/publications/ languagespeech/HauserChomskyFitch.pdf
Versuch, mögliche Forschungsrichtungen für die Evolution von Sprache aufzuzeigen, wobei eine terminologische Unterteilung in "Faculty of Language in a Broader Sense - FLB" und "... in a Narrow Sense - FLN" vollzogen wird. FLB, also diejenigen Komponenten, die mit anderen kognitiven Domänen geteilt werden, könne vergleichend untersucht werden, FLN dagegen kaum, bestehe aber auch aus nicht viel mehr als Narrow Syntax, d.h. einem womöglich recht simplen Rekursionsmechanismus.

Pinker, Steven/Ray Jackendoff 2005: The Faculty of Language: What's Special about it? In: Cognition 95 (2005) 201–236.
pinker.wjh.harvard.edu/articles/ papers/2005_03_Pinker_Jackendoff.pdf
Antwort auf obiges: Die kategorische Unterscheidung zwischen FLB und FLN mache es unmöglich, auch nur die Frage zu stellen, in welcher Weise Komponenten der FLB durch Sprache überformt wurden. Das wahllose Zusammenwerfen Homologien und Analogien, also von Vergleichen mit den Menschenaffen und irgendwelchen anderen Tieren, die halt durch konvergente Entwicklung ähnliche Eigenschaften wie h.s. aufweisen, sei unwissenschaftlich. Die Trennung sei somit keineswegs eine theorieneutrale, terminologische, sondern "syntaktozentrisch" und durch Chomskys Minimalismus geprägt, und erteile anderen Modellen und einer adaptionistischen Analyse der Evolution von Sprache von vornherein eine Absage. (In den nächsten beiden Artikeln werden die Argumente mehr oder weniger wiederholt.)

Fitch, W. Tecumseh/ Marc D. Hauser/ Noam Chomsky 2005: The evolution of the language faculty: Clarifications and implications. In: Cognition 97 (2005) 179–210.
www3.isrl.uiuc.edu/~junwang4/langev/ localcopy/pdf/fitch05languageFaculty.pdf

Jackendoff, Ray/ Steven Pinker 2005: The nature of the language faculty and its implications for evolution of language (Reply to Fitch, Hauser, and Chomsky). In: Cognition 97 (2005) 211–225.
pinker.wjh.harvard.edu/articles/ papers/2005_09_Jackendoff_Pinker.pdf

Anm. (22.7): Hiermit soll nicht gesagt sein, dass Musik und Sprache näher als unbedingt nötig zusammenhängen, schon gar nicht, dass Sprache von Musik deriviert sei; "Gesang" und "Musik" zu verwechseln, wenngleich ein häufiger Fehler, ist nicht viel besser als "Rede" und "Sprache" durcheinanderzubringen. Parallelen zwischen Gesang und Rede sind es, welche hier aufgezeigt werden sollten, sollten sich Parallelen zwischen Musik und Sprache herausstellen (wie immer wieder von diversen Seiten behauptet wird), so ist wohl Sprache Vorbild und Musik Derivat.
Außerdem: PJ haben sich vor allem auch auf das Lexikon bezogen, wozu ich mich leider nicht qualifiziert fühle etwas zu sagen. Das gibt ihrem Einwand natürlich etwas mehr Gewicht.

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